Spitz auf Knopf – Kinde, Nein Danke!
Kolumne von Georg Gafron
Wer noch an den Klapperstorch glaubt, sollte längst ein ernsthaftes Wörtchen mit dem gefiederten Gevatter geführt haben. Denn offenkundig versagt der Babybringer, der in der Fantasie ganzer früherer Kindergenerationen eine bedeutende Rolle spielte. Diese rannten am Morgen nach dem Erwachen aufgeregt zum Fensterbrett, um erwartungsvoll nach dem Zuckerstückchen zu schauen, das man auf Geheiß der Mutter am Vorabend dorthin gelegt hatte – in der Hoffnung, dass der langbeinige Freund es verputzen würde. Das galt nämlich als sicheres Zeichen, dass bald ein Baby den Familienreigen ergänzen würde.
Doch selbst diejenigen, die immer noch an dieses Orakel glauben, werden aufgrund der vielen Enttäuschungen diese „Freundschaft“ beendet haben. Denn seit vielen Jahren macht der Geburtsverkünder um Berlin einen großen Bogen.
Zum vierten Mal in Folge musste das Statistische Bundesamt verkünden, dass Berlin in Deutschland bei der Zahl der Geburten an letzter Stelle liegt.
Mit einer Rate von 1,01 Geburten bei deutschen Müttern und 1,56 Geburten bei ausländischen Frauen hält Berlin seit Jahren die rote Schlusslaterne aller Regionen. Bundesweit liegt die Zahl bei deutschen Müttern bei 1,19 und bei ausländischen Gebärenden bei 1,78.
Die geburtenfreudigsten Bezirke in der Hauptstadt sind Mitte und Pankow. Am entgegengesetzten Ende stehen Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Letztgenannten führen zugleich sowohl bei der Altersstruktur als auch bei den Sterberaten das Ende der Statistik an.
Auch bei den Eheschließungen war die Entwicklung weiter rückläufig. 11.235-mal gaben sich 2025 in Berlin das Ja-Wort für ein gemeinsames Leben – 94 % davon waren weiblich und männlich, 6 % waren gleichgeschlechtlicher oder diverser Orientierung. Jede zweite deutsche Berliner Mutter brachte ihr Kind ledig zur Welt.
Auch dies ist ein Hinweis, dass sich der Trend hin zu Single-Haushalten und weg vom Familienverbund weiter fortsetzt. Schon jetzt ist Berlin nicht nur die Hauptstadt der Deutschen, sondern zugleich die Metropole der Singles. Über 50 % aller Haushalte in unserer Stadt bestehen aus Alleinlebenden. Diese Entwicklung wird übrigens bei der Betrachtung des Wohnungsmarktes oft vernachlässigt. Gleichzeitig ist mit dem immer früheren Verlassen des Elternhauses von jüngeren Menschen die Nachfrage nach angepasstem Wohnraum stetig angestiegen – klein und preiswert, möglichst zentral gelegen lautet die Devise. Das Single-Dasein hat aber auch noch andere Folgen. Das Zusammenleben mit anderen – sei es in der Familie oder in Wohngemeinschaften – fördert die sozialen Kompetenzen und das Verantwortungsgefühl, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, ja sogar für die Gesellschaft.
Dort, wo das fehlt, entstehen mangelnde Empathie, ausschließlich ichbezogenes Denken, zugleich aber auch wachsende Vereinsamung. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Auswirkungen dieser Trends auszumalen. Immer weniger Kinder in einer der reichsten Gesellschaften der Welt führen aber auch zu einer Veränderung des gesellschaftlichen Klimas. Dort wo kein Nachwuchs ist, wo die Unbekümmertheit und das fröhliche Lachen der Kinder fehlt, oder gar als lästig empfunden wird, ist auch kein Vertrauen in die Zukunft. Hier und jetzt sofort sollen alle Bedürfnisse des Glücks erfüllt werden. Niemand bedenkt dabei, wie einsam die heutigen Singles im Alter sein werden. Ungeahnte Herausforderungen kommen auf uns zu, nur reden will darüber niemand!
