Spitz auf Knopf – Krisengewitter
Kolumne von Georg Gafron
Längst muss auch dem Letzten klar geworden sein: Deutschland ist ein Sanierungsfall! Auch noch so viele aus Schulden finanzierte Geldspritzen werden es nicht aus der Krise führen. Ohne tiefgreifende Reformen und schmerzhafte Korrekturen ist der bereits leckgeschlagene Tanker nicht wieder flott zu machen.
Die Probleme sind bekannt: weltweit höchste Steuersätze, eine erdrückende Bürokratie für die Unternehmen und eine zu geringe Arbeitsproduktivität. Die immer noch drittstärkste Volkswirtschaft der Welt schleppt sich mit deutlichen Zeichen von Siechtum und von ihrer Substanz zehrend dahin!
Mit immer drastischeren Worten beschreibt Kanzler Merz die Lage: Wir sind zu teuer, wir arbeiten zu wenig (200 Stunden weniger als beispielsweise in der Schweiz), wir haben die längsten Urlaube in Europa, wir sind zu verwöhnt und bei all dem gewohnt, dass der Staat es schon irgendwie richten wird. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass die defizitären Sozialsysteme auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten sind.
Während die Politik aus machtpolitisch-opportunistischen und ideologischen Motiven zögert, die wirklich notwendigen Weichenstellungen zu vollziehen, reagiert die Gesellschaft auf ihre Weise. Immer mehr Unternehmer ziehen die Konsequenzen und wandern mit ihren Betrieben nebst Kapital ab. Gleichzeitig verlassen qualifizierte Fachkräfte Deutschland, während die Insolvenzen und damit auch die Arbeitslosenzahlen steigen.
Über dem Land liegt eine düstere Stimmung: eine Mischung aus Frustration, Enttäuschung und einer grundsätzlichen Unzufriedenheit, die den politischen Rändern rechts und links Auftrieb gibt.
Ein für unser Land existentieller Sektor scheint dabei nahezu übersehen zu werden. Deutschland verfügt bekanntlich über keine nennenswerten Rohstoffe, unser wesentliches Kapital liegt in den Köpfen – das legendäre Qualitätslabel „Made in Germany“ war über Jahrzehnte das Werk kluger Erfinder, fleißiger Arbeiter und hochmotivierter Generationen nach dem Kriege. Die Quelle dafür war ein exzellentes Bildungssystem. Doch was ist daraus geworden, wo bleibt der Aufschrei von Politik und Medien? Von PISA-Studie zu PISA-Studie sinken die Standards unserer Schulabgänger. Berlin ist eines der Schlusslichter.
Die Wirtschaft sucht dringend nach Lehrlingen, findet aber immer weniger geeignete Bewerber – Wissen und Einstellungen reichen nicht aus! Doch nur, wer im internationalen Wettbewerb mithalten kann, besteht die Herausforderungen. Auch die Universitäten klagen über mangelnde Leistung und Motivation der Studienanfänger. Längst sehen sich auch deutsche Unternehmen auf dem internationalen Arbeitsmarkt um. An der Spitze der begehrten Zuwanderer stehen zurzeit hochmotivierte Menschen aus Indien.
Die Kulturhoheit der Länder in Fragen des Bildungssystems verschleiert das Problem in seiner Dimension. Konzertierter Handlungsbedarf ist dringend geboten! Wo liegen die Ursachen? Welche Irrwege wurden beschritten? Wo muss im Grundsätzlichen korrigiert werden?
Kongresse, wie der von bundesweit 250 Schülervertretungen in Berlin veranstaltete unter dem Motto „Was tun gegen Leistungsdruck und Schulstress?“ sind damit allerdings nicht gemeint.
